Der Reifrock

Der Reifrock ist neben dem Korsett eines der prägendsten Kleidungsstücke der Frau in der Geschichte. Und Reifrock ist nicht gleich Reifrock.


Isabella Clara Eugenia von Spanien (ca. 1599)

Der erste Reifrock, der sogenannte Verdugado kam aus Spanien und wurde dort um 1470 entwickelt. Er war glockenförmig, also eine runde Kuppel die dann nach unten gerade auslief. Zur gleichen Zeit entwickelte man in Frankreich eine tonnenförmige Variante.


Hergestellt wurde er anfangs aus Pfahlrohr und mit einer Rosshaareinlage aufgepolstert. Erst später verwendete man Fischbein (die Barten großer Wale), Draht oder Weidenruten. Und warum das ganze? Klare Sache, Frau war zu faul zum Bügeln, denn ursprünglich sollte der Verdugado Falten verhindern.

Abseits von Spanien kam er dann etwas aus der Mode, nur um im 18, Jahrhundert in geradezu grotesker Größe sein Comeback zu feiern.





Marie Antoinette (1778)

Im Rokoko wurde die Glockenform oval zu den Seiten und alle fünf bis zehn Jahre immer breiter, bis seine bekannteste Trägerin, Marie Antoinette die Königin von Frankreich, den Kopf verlor.

Was zu ihrer Zeit In war, nannte man Panier (französisch für Korb).

Das war auch eine der wenigen Epochen, in denen sich die Innenausstattung der Mode anpasste. Die Kleider wurden mitunter so breit, dass sie drei Sitzplätze für Möbelpacker (die, die deinen Flügel aus den sechsten Stock alleine runtertragen) einnahmen.

Ein dementsprechendes Gewicht musste sich auf die tragende Dame verteilen und entweder unmögliche Dellen in der Hüfte hinterlassen haben oder ihr als Ganztagstraining für Muskelaufbau dienen.

Man konnte sich allerdings mit einer leichteren Variante, den Poschen, behelfen. Das war ein zweiteiliger Reif, der links und rechts platziert und dann mit einem Band um die Hüfte festgebunden wurde.


Elisabeth von Österreich-Ungarn (1870)

Nachdem der Reifrock als pompöse Abscheulichkeit in der Revolution gemieden wurde, man wollte möglichst natürlich und leicht bekleidet sein, kam er als Krinoline um 1830 zurück. Ihre bekannteste Trägerin, Sissi, erging es weitaus besser damit.

Die Krinoline was elliptisch geformt und lief nach hinten weit aus.



Sie war, neben dem Korsett, das Fehl- und Frühgeburten verursachte, eines der tödlichsten Kleidungsstücke. Viele Damen konnten sie sich leisten und da die arbeitende Bevölkerung nicht den ganzen Tag Tee trinken und sticken kann, verfing sich nicht selten ein Saum in Maschinen und Kutschen oder geriet in Brand.



Tournüre um 1870



Kein Wunder, dass man sich dieses gemeingefährliche Ding bald vom Hals schaffte. Nur noch einmal ändert der Reifrock seine Form und wir als Tournüre auf dem Po sitzend getragen.

Mal größer als Drahtgestell, das bis zu den Kniekehlen reichte, mal kleiner als Kissen, das um die Hüfte gebunden wurde, war das die finale Form des Reifrockes. Aber mit gerade mal zwanzig Jahren war die Tournüre eine vergleichsweise kurze Modeerscheinung. Denn um 1890 ging man zurück zur geraden Rocklinie.









Wer zu arm oder beschäftigt war, um sich Reifröcke zu leisten, der trug den sogenannten Weiberspeck. Ein rundes Kissen, dass man sich um die Hüften legte. Dies verlieh der Trägerin zusätzlichen Umfang und schränkte die Reichweite der Arme um einige Zentimeter ein. Wer das einmal testen möchte, der muss sich nur ein Stillkissen um die Hüfte wickeln und versuchen die Wäsche aufzuhängen. Das war auch der Grund, warum der Weiberspeck zunehmend abspeckte, bis er auf eine arbeitstaugliche Größe schrumpfte. Neben dem Mieder hielt sich der Weiberspeck in der Bevölkerung fast






Das war das Ende der Reifröcke. Nur im Ersten Weltkrieg als Kriegskrinoline und in den 50er Jahren als Petticoat, traten sie noch einmal in Erscheinung. Man verzichtete aber auf die Reifen und gab den Röcken mit meterweise Stoff ihren Halt.






Heute finden Reifröcke in der Brautmode Verwendung, um größere Aufbauten zu stützen oder um Tonnen von Stoff zu sparen.

Auch im Reenactment (authentische Nachstellung geschichtlicher Ereignisse) werden z.B. Krinolinen häufig getragen, um Ereignisse im Bürgerkrieg der USA darzustellen.


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